day 16

Posted on July 21st, 2017 by Schrüppe McIntosh

Es ist gar nicht einfach vom eigenen Scheitern zu schreiben. Vor Allem nicht dann, wenn es der eigene Perfektionismus ist, der im Weg steht. So war das nämlich bei mir. Ich habe ungefähr vier Monate jeden Abend und fast jede Nacht damit zugebracht meine Reise und diese Recherche zu planen, die Route auszuarbeiten, Interviewfragen zu schreiben, Preise umzurechnen, Projekte und Leute anzuschreiben, Kontakte heraus zu suchen.... um jetzt fest zu stellen, dass das alles unbrauchbar ist, weil ich mit Vorstellungen an die Sache heran gegangen bin, die einfach nichts mit dem zu tun haben, was ich dann vor Ort vorgefunden habe. 

Um es vorweg zu nehmen- alles ist gut und ich habe eine Menge dazu gelernt. Vor Allem darüber, wie ich mir selbst im Weg stehe. Ich habe einen Anspruch an mich und Andere, der einfach nicht zu erreichen ist und irgendwann musste der Tag zwangsläufig mal kommen, an dem ich daran scheitere. Und jetzt kam er.

Ich musste zwar mehrfach ansetzen das aufzuschreiben -aber Scheitern gehört nun einmal zum Lernprozess dazu und in meinem Fall war das vielleicht sogar längst überfällig. Und deshalb will ich das nicht übergehen, sondern dokumentieren. (Die Alternative wäre es gewesen die fehlenden Tage hinzu zu schummeln)

In der Nähe von Durban liegt das "Hillcrest AIDS Centre Trust"- Unter WOZA MOYA auch im Internet zu finden. Ein wirklich vielseitig greifendes Projekt mit 350 Craftern. (Weil wir noch nichts zeigen können, hier der Link zu einem Video von 2015: https://www.youtube.com/watch?v=DpxtpwUilEo&t=4s)

Als wir dort endlich ankamen (es gibt mehrere Main Roads und Hillcrests), war ich  total überwältigt. Man sieht direkt auf den ersten Blick, dass hier sehr viel passiert und viele Leute involviert sind. Wir haben eine Führung bekommen, konnten Einblicke in verschiedene Werkstätten, den Second Hand Buchladen, den Pflanzenverkauf und die Perlenwerkstatt bekommen. Ich hätte mir eingestehen können, dass ich gestresst war, weil mir die ganze Zeit so unglaublich kalt war, dass ich gezittert habe. Außerdem war ich total zerstreut und hektisch. Statt mir 5 Minuten zu gönnen, um an etwas anderes zu denken, habe ich das ignoriert und übergangen. Ich habe mich gut vorbereitet gefühlt, schließlich hatte ich meine zwei Seiten Interviewfragen, nach Kategorien sortiert und mehrfach auf political correctness und Rechtschreibfehlern abgecheckt.

Im Interview mit einer der Frauen aus der Nähwerkstatt ist mir auch gar nicht aufgefallen, wie ich total fahrig geworden bin. Mein Stress hat sich so auf sie übertragen, dass sie sich richtig unwohl gefühlt hat. Mir ist das nicht aufgefallen, aber allen Anderen schon. Das war wirklcih das Letzte, was ich beabsichtigt hatte. Ich habe mich so geschämt, wie noch nie zuvor. Und ich glaube Patrick hat sich für mich geschämt, auch wenn er das nicht gesagt hat. Er gehört zu den Menschen, die nicht auf den Schwächen Anderer herum hacken, sondern sofort versuchen das in etwas Gutes und zukunftsorientiertes zu verwandeln. Das zu wissen macht es aber auch nicht leichter. Damit war der Tag gelaufen. Wir sind mehr oder weniger schweigend nach Hause gefahren. Eine wirklich unschöne Situation für alle, die definitiv auf mein Konto ging. 

Und nun?! In den letzten Tagen ist viel passiert. Ich habe meine Route (4 Monate Arbeit!) nach ganz viel innerem hin- und her vor zwei Tagen einfach weggeworfen; genau wie meine lang ausgearbeiteten Interviewfragen. Wir haben zusammen eine Taktik ausgearbeitet, die in Zukunft den Stress aus dem Ganzen nimmt. Meine Angst beginnt nämlich genau dann, wenn die Kamera eingeschaltet ist. Das ist eine Angst vor dem Unplanbarem. Dabei ist mehr als unnötig, weil ich mich schon vorab für ein Format entschieden habe, in dem ich gar nicht im Bild bin, sondern der Fokus komplett auf unseren Interviewpartnern liegt, die wir zu Wort kommen lassen wollen.

Patrick und ich sprechen uns jetzt kurz vor den Interviews darüber ab, was wir erfahren möchten. Ich nehme mir vorab Zeit uns und unser Projekt vorzustellen. Das klingt nach nichts, ist für mich aber ein unglaublicher Schritt in Richtung "Loslassen". Mit deutscher Strukturiertheit kommt man hier nämlich einfach nicht weiter. Wir werden nochmal nach Hillcrest fahren und die geplanten Interviews nachholen. Über dieses Projekt möchten wir unbedingt berichten.

Was noch? Wir sind mittlerweile seit dem 18.07. wieder in Johannesburg zurück. Vom sommerlich heißem Durban zurück ins kalte Johannesburg. Dort haben wir und mit John und Darlington, den zwei Beadworkern vom Illovo Art Corner getroffen und ihnen die fertige Short Story gezeigt. Das war toll, weil die Zwei sich wirklich gefreut haben. Wir waren zwar nur vier Tage in Durban, aber seitdem ist schon wieder total viel bei den Beiden passiert. Wenn auch nur kurz- es war toll diesen Prozess, mit erleben zu können.

Wir sind inzwischen auch (endlich) zu Couchsurfern geworden. Das ist meiner Erfahrung nach nicht so einfach in Johannesburg, weil Jede(r) hier schaurige Geschichten von Überfällen und Morden und Fakeprofilen kennt und man Fremden einfach nicht traut und immer auf der Hut sein muss. Trotz allem sind wir bei Meruscka eingeladen worden. Das ist soviel mehr als Glück. Genau, wie Vincent ist auch sie eine der Personen, die irgendwie alle und jeden kennt. Und unglaublich begeisternd, offen und liebenswert ist. 

Es nervt mich ja total, wie lange wir eigentlich schon in Johannesburg sind und wie wenig wir von der Stadt gesehen haben. Meruschka arbeitet zzuuuuufällig als Bloggerin im Tourismusbereich, also die beste Adresse für uns, um von den wirklich guten und sehenswerten Projekten aus erster Hand zu erfahren. So sind wir heute zu einem Interviewtermin zu "I was shot in Joburg" in Maboneng eingetroffen und haben uns mit Bernhard, dem Gründer unterhalten und im Anschluss ein Interview mit Sandile geführt.

 

 


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